Die acht Stufen des Yoga nach Patanjali

In den Veden gibt es sechs philosophische Hauptströmungen, die sich alle auf  verschiedenen Ebenen mit der Suche des Menschen nach der Wahrheit beschäftigen. Seit frühester Zeit beschäftigt sich der Mensch mit der Ergründung der Welt, seines Daseins und dem Finden der Wahrheit.

 

„Woraus besteht die Welt? Was ist der Sinn des Lebens? Wozu gibt es die menschliche Existenz? Welche Beziehung besteht zwischen dem Menschen, der Welt und dem Schöpfer?“ In den sechs philosophischen Schulen der Veden werden diese und weiterführende Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

Mit der Fragestellung nach der Seele, Atma, nach ihrer Beschaffenheit, Bedeutung und Quelle, kommt der Vorgang des Yoga ins Spiel. Der Begriff Atma hat im Sanskrit verschiedene Bedeutungen. Zum einen beschreibt er die Seele, zum anderen auch den Geist und den Körper. Er steht also für all diese drei Aspekte unseres Wesens zugleich.

Das Yoga-System besteht aus sich aufbauenden Stufen, die den Vorgang der Seelenerkenntnis beschreiben. Der Schlüssel dazu ist die Beherrschung des Geistes. Unser Geist steht als Begleiter unserer Sinne immer in Kontakt mit der Außenwelt. Es ist ihm nicht möglich, sich des Einflusses der materiell-sinnlichen Welt zu entziehen, solange er aktiv das Dasein dominiert. Ein unkontrollierter Geist ist ständig von den Eindrücken der äußeren Welt abgelenkt und erlaubt uns keine Innenschau. In dieser Weise ist Transzendenz nicht erfahrbar. Die Seele in ihrer transzendentalen Natur kann nicht über materielle Instrumente wahrgenommen werden. Mit dieser Erkenntnis beginnt Yoga. Yoga baut auf dem Verstehen auf, dass geistige Kontrolle die Voraussetzung dafür ist, die Seele zu erkennen.

 

Die erste Stufe des Yogasystems nach Patanjali heißt Yama. Übersetzt bedeutet Yama „zügeln“, „zurückziehen“. Doch was genau gilt es hier zu zügeln? Wir haben unseren Geist bisher so stark nach außen gehen und sich in der Außenwelt verstricken lassen, dass uns das wirkliche Verständnis unserer eigentlichen Identität fehlt. Was ist unsere wahre Identität? Hat sie irgendetwas mit den Dingen des Außen, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen, zu tun? Unserem Auto, unseren Essgewohnheiten, den Menschen, mit denen wir uns umgeben, den Rollen, die wir ihnen gegenüber einnehmen? Die Frage nach dem „Wer bin ich?“ wird aber erst auf einer späteren Stufe des Yoga-Systems beantwortet werden können.


Die zweite Stufe des Yoga-Systems sucht nun nach Wegen, diese Fähigkeit, die eigenen Sinne zu zügeln, dauerhaft zu festigen. Die zweite Stufe des Yogasystems heisst Nyam. Ny heißt „regelmäßig“ und in der Verknüpfung mit yama bedeutet Nyama dann: Die Sinne dauerhaft  durch Regelmäßigkeit zu zügeln. Solange der analytische Geist durch viel Lesen und eine ständige Auseinandersetzung versucht, die philosophischen Grundlagen zu verstehen, der Mensch es aber nicht schafft, diese Erkenntnisse auch in seinen Lebensstil zu übersetzen, bleiben die Erkenntnisse rein theoretisch. Wenn wir davon sprechen, eine bestimmte Lebensweise zu entwickeln, dann sprechen wir auch davon, neue Gewohnheiten in unser Leben zu integrieren. Gewohnheiten brauchen, um sich entwickeln zu können, Stetigkeit und Beharrlichkeit. Nyama lehrt uns, wie man über Disziplin und einen geregelten Tagesablauf die Sinne nachhaltig unter Kontrolle halten kann.

 

Nach der Stufe a) die eigene Energie und die Sinne nicht mehr nach außen, sondern nach Innen zu richten und b), diese Fähigkeit, die Sinne zu zügeln, auch nachhaltig durch Disziplin zu festigen und einen Lebensstil daraus zu gestalten, folgt die dritte Stufe des Yoga.

 

Die dritte Stufe heisst Asana. Auf der Stufe der Asanas gelangt man dazu, aufgrund bestimmter körperlicher Übungen und Stellungen den eigenen Körper in der Tiefe wahrzunehmen und von dort aus zu erforschen, inwiefern der eigene Körper das wahre Selbst repräsentiert. Patanjali sagt, dass alle Stellungen, die wir beim Gehen, beim Sitzen oder beim Schlafen einnehmen, eigentlich unbewusst eingesetzte Asanas oder Upa-Asanas sind. Asanas sind Hauptkörperstellungen, die man für längere Zeit hält, so dass die Lebensenergie in einer bestimmten Weise in den Körper fließen und dort kanalisiert werden kann. Upa-Asanas sind Nebenhaltungen, mit denen man den Körper zusätzlich unterstützen kann. Asanas sind jedoch – entgegen der heutzutage in Yoga-Kreisen gängigen Praxis – nicht in erster Linie dazu da, als Fitnessübung Einsatz zu finden, sondern sind dafür vorgesehen, gezielt der Heilung von Krankheiten zu dienen. Nicht jedes Asana ist für jeden Menschen geeignet. Jeder Mensch hat einen individuellen Körperbau und ganz unterschiedliche körperliche Bedürfnisse. Das erfordert eine individuelle Behandlung. Alle Stellungen müssen sehr sorgsam ausgeführt werden, da sie sonst langfristig sogar zu körperlichen Schäden führen können. Aus diesem Grund wird sowohl im Yoga-Sutra wie auch im Ayurveda davor gewarnt, solche Übungen ohne einen Lehrer zu praktizieren. Letztlich dient auch das Praktizieren dieser Stellungen einem übergeordneten Zweck, nämlich zu erforschen, inwiefern das Selbst auf der körperlichen Ebene zu finden ist.

 

Auf der vierten Stufe des Yoga kommen wir zu Pranayama. Prana ist die Lebensenergie, die in Form verschiedener Luftströmungen im Körper zirkuliert. Über die Anzahl dieser Luftströmungen im menschlichen Körper gibt es unterschiedliche Aussagen; Patanjali spricht in seinem Yoga-Sutra von fünf dieser Luftströmungen. Sie durchströmen sowohl unseren Körper als auch das gesamte Universum. Wenn die Seele nach der Zeugung in den Fötus im Mutterleib eingeht, nutzt sie eine dieser Prana-Luftströmungen als Kanal. Manchmal wird fälschlicher Weise behauptet, dass die Seele direkt im Herzen oder in der Herzregion sitze. Es ist aber eher so, dass sie sich, ohne fest lokalisiert werden zu können, in einer der Prana-Strömungen aufhält, die sich um das Herz herum bewegt.

 

Prana schenkt uns Kraft durch den Atem, weil uns der Atem am Leben erhält. Der gesamte Mechanismus unseres Körpers ist so aufgebaut, dass er sich nicht aufrecht erhalten könnte, ohne Sauerstoff aufzunehmen und Kohlendioxyd abzugeben. Der Sauerstoff verwandelt die weißen in rote Blutkörperchen, und je mehr der Körper davon in seinem Blut anreichert, desto gesünder, vitaler und kraftvoller wird die Person. Meist sind wir uns wenig darüber bewusst, in welchem energetischen Zustand wir uns wirklich befinden und welche Energie uns zur Verfügung steht, um die Aufgaben es Lebens zu bewältigen. Auf der Stufe des Pranayma werden wir uns darüber bewusst, wie wir unsere Energie am Besten kanalisieren sollten.

 

Prana bedeutet also die Lebensenergie-Luftströmung, und Pranayama heißt dann, dieses Prana bewusst zu steuern. Auf der Ebene des Pranayama wird nun über die Wahrnehmung der Lebensvitalität erforscht, ob das Prana, welches den gesamten Körper durchdringt, das wahre Selbst darstellt. Verfolgt man auch diese Stufe ernsthaft, kommt man zu dem Ergebnis, dass der Körper und damit auch die in ihm weilende Lebensenergie vergänglich sind. Wird der Körper zerstört, wird auch das mit dem Körper verbundene Prana zerstört. Und da alles, was vergänglich und zerstörbar ist, nicht wahr und essentiell sein kann, kann dieser Körper also nicht unsere wahre Identität sein. Die Existenz des Prana setzt die Existenz einer höheren Energie voraus. Diese höhere Energie ist das Bewusstsein, die Energie der Seele. Dieses Bewusstsein durchdringt unseren Körper, und daher kann sich das Prana überall ausbreiten. Zieht sich das Bewusstsein aus dem Körper zurück, verliert das Prana seine „Trägersubstanz“, um sich im Körper zu verteilen.


An der fünften Stelle des Yoga-Systems kommen wir zu Pratyahara. Pra heißt „gründlich“ und adjaha bedeutet „ablehnen von Dingen, die unnötig sind“. Hier beginnt die Verwirklichung, dass alles in dieser materiellen Welt zeitweilig ist, alles, was in irgendeiner Form mit dem Körper verbunden ist, mit dem Tod des Körpers endet und daher die Suche nach dem wahren Selbst im Außen und im Körper selbst uns nicht fündig werden lässt.

 

Hier fragen wir weiter: „Woraus besteht unser Wesen noch?“ Wie schon in der Schule der Shankya-Philosophen erkannt, beinhaltet unsere Existenz neben dem grobstofflichen auch einen feinstofflichen Körper, der aus den drei Elementen Geist, Vernunft und Ego bzw. falschem Ego besteht.

 

Wenn ich von Geist, Vernunft oder Ego spreche, so bezeichne ich damit keinen eindeutig in uns markierbaren Bereiche, sondern eigentlich nur die verschiedene Funktionen eines Bewusstseins. Der Teil des Bewusstsein, der die verschiedenen Sinne lenkt, heißt Geist. Mein Geist schenkt mir meine Individualität, er lässt mich persönliche Erfahrungen spüren. Der Teil des Bewusstseins, der unsere Erinnerungen speichert und für das Unterscheidungsvermögen zuständig ist, ist die Vernunft. Sie schenkt uns die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Und unser Ego ist eigentlich jene Funktion unseres Bewusstseins, das uns immer wissen lässt, dass wir existieren. Das Ego wird in dem Moment als falsches Ego bezeichnet, im Sanskrit: Ahankara, wenn das reine Bewusstsein der Seele sich fälschlicherweise mit dem Körper bzw. dem Geist identifiziert. Durch diese falsche Vorstellung verunreinigt, verwandelt sich das reine Bewusstsein des Egos in das falsche Ego. Alle drei Funktionen des Bewusstseins gehören eigentlich zu einem einzigen Gesamtbewusstsein. Aber um den Mechanismus besser verstehen zu können, trennen wir das sprachlich in die drei genannten Funktionen auf.

 

Während wir auf der Stufe des Pratyahara unsere Sinne zurückziehen und uns bewusst nach Innen richten, steht auf der sechsten Stufe des Dhyana die Meditation im Vordergrund. Unter dem Begriff der Meditation werden in unterschiedlichen Schulen verschiedene Vorgänge verstanden. Doch wenn Patanjali von Dhyana spricht, dann sieht er den Sinn der Meditation nicht darin, sich auf irgendeinen Punkt oder ein Licht zu konzentrieren und lediglich den Geist zur Ruhe kommen zu lassen, sondern in einer ernsthaften Forschung nach dem wahren Selbst. Einer Suche, die durch Klangschwingungen in Form von Mantren, eine Verbindung mit unserem feinstofflichen Wesen, der Seele schafft.

 

Das Wort Dhyana kommt von der Wurzel dhi, was soviel wie Intelligenz bedeutet. Man hat den Zustand des Dhyana erreicht, wenn man die Intelligenz auf das wahre Selbst richtet, während man alle Eindrücke und Gedanken abgeblockt, um den Geist sich nicht ablenken und nach außen ziehen zu lassen. Im Dhyana erfahren wir dann, dass es eine Realität gibt, die sowohl individuell als auch universell ist. Es gibt eine Realität, die jeder erfahren kann, aber auch eine individuelle Realität, die nur jeder für sich selbst erleben kann und für sich selbst als real wahrnimmt. Wie ich meiner Außenwelt begegne, wird weitestgehend dadurch bestimmt, welches Abbild der Welt ich in meinem Inneren trage. Jemand, der die Stufe des Dhyana erreicht hat, weiß, dass er der Schöpfer seiner Welt ist. Nicht in dem Sinne, dass er all die Dinge in der Welt wie die Sonne, die Pflanzen, die Gebäude etc. kreiert hat, sondern in seiner Wahrnehmung. Nicht die Welt da draußen bestimmt, wie ich denke. Auf der Stufe des Dhyana erlebe ich mich zum ersten Mal als Schöpfer. Bis hierhin ist mein reines, wahres Selbst aber noch unentdeckt geblieben. Was schon wie ein langer Weg aussah, ist erst der Beginn der wirklichen Reise. Langsam, aber sicher hat der Geist aufgehört, unser Leben zu bestimmen, weil er keine Impulse von außen mehr bekommt, die ihn nach außen ziehen könnten. Durch den Vorgang des Yoga allerdings entwickelt sich langsam eine Verbindung zur nicht-materiellen Dimension. Die Verbindung zur transzendentalen Energie der Seele, zu dem Bewusstsein der reinen Seele beginnt sich herauszukristallisieren. Hier bewegen wir uns in einer völlig neuen Dimension; einer transzendentalen Dimension, welche wir mit dem Geist überhaupt nie erfahren könnten.

 

Die nächste, siebte, Stufe ist die Stufe des Dharana. Dharana bedeutet: Wo das Dhyana ununterbrochen wie Honig oder Öl fließt. Wenn man den Zustand des Dhyana erreicht hat, lässt man nicht weder von Äußerlichkeit noch von körperlichen Drängen stören und die Vertiefung in die Meditation wird so tief, dass man nichts anderes mehr außer der Seele wahrnimmt. In diesem Zustand des Dharana erfährt man eine Glückseligkeit, die man bis dahin in seinem Leben nicht erfahren konnte. Hier bekommen wir den ersten Geschmack der eigenen Unsterblichkeit, der Unsterblichkeit der Seele. Da ich unsterblich bin, bin ich auch eine Quelle des Wissens, die mich auf ewig aus dem Kreislauf von Geburt und Tod befreien wird. All das Wissen um die vielen Geburten, die wir erfahren und Vorleben, die wir geführt haben, sogar das Wissen um unsere tierischen Inkarnationen, erscheint auf den Stufen von Dhyana und Dharana wie in einem Film vor uns. Jetzt hat man die volle Kontrolle über seine eigenen Gedanken, seinen Geist erlangt, so dass man sein Bewusstsein aus der Herrschaft des Geistes unter die Kontrolle der Seele gegeben hat.

Auf der achten, der letzten Stufe des Yoga-Systems, in dem Zustand des Samadhi, löst sich die Unterscheidung zwischen der äußeren und der inneren Welt auf. Die Dualität hört auf zu existieren. Für so lange waren wir der Dualität Untertan. Im Samadhi zu sein, heißt, ein geistiges Gleichgewicht gefunden zu haben, wo wir erstmals nicht von Leid und Freude, nicht von Kälte und Hitze, nicht von Beleidigung oder Lobpreisung berührt werden. All dies wird gleichgültig, weil wir im Kontakt mit unserer Seele gar nicht zu dieser Welt gehören. Die Seele entstammt einer gänzlich anderen Quelle und wird lediglich aufgrund ihrer karmischen Reaktionen gezwungen, einen verkörperten Zustand anzunehmen. Auf dieser Ebene entfaltet sich das Wissen, dass die Seele ewig unzerstörbar, voller Wissen und Glückseligkeit ist. Das sind die acht Stufen des Yoga-Systems des Patanjali-Sutra.

 

Fragen und Antworten

 

„Bewusstseinserhöhung“

 

Frage: Sind diese Stufen so zu verstehen, dass man sie chronologisch durchlaufen muss, eine Stufe nach der anderen oder kann man die einzelnen Stufen auch parallel angehen?

Da gibt es unterschiedliche Auffassungen: manche Yoga Meister sagen, dass diese acht genannten Stufen aufeinander aufbauen und man sie daher auch in der entsprechenden Reihenfolge durchlaufen sollte. Das bedeutet, dass man erst mit Yama anfängt, dann zu Nyama übergeht etc. Andere Meister vertreten die Auffassung, dass es bis zur sechsten Stufe möglich ist, diese acht Stufen parallel zu beschreiten. Man sollte nur nicht so vorgehen, wie es heutzutage häufig vorzufinden ist: nur Asanas oder Pranayama zu praktizieren und es dabei zu belassen, das heißt also Yama, Nyama etc. wegzulassen.

 

Frage: Wenn man das aber trotzdem so macht, bringt das dann gar nichts?

Wenn wir von „bringen“ sprechen, müssen wir uns fragen – „bringen“ in Bezug auf welches Ziel? Das Ziel des Yogas ist Selbsterkenntnis. Man erreicht diese nur durch Geistesbeherrschung. Wenn man den Geist nicht unter Kontrolle hat, ist das nicht möglich. Wenn man Asanas und Pranayama ohne das Ziel der Selbsterkenntnis ausführt, dann erfüllt das nicht seinen wahren Zweck.

 

Frage: Kann ich nicht durch Asanas und Pranayma doch etwas erhöht werden?

Nein, nur durch Asanas und Pranayama allein kann man sein Bewusstsein nicht erhöhen. Solange kein höheres Ziel existiert, bleibt die Person auf einer Ebene stehen. Eine Bewusstseinserhebung kann es wirklich nur mit einem höheren Ziel geben. Das bedeutet auch, auf der Basis einer entsprechenden Philosophie und Weltanschauung. Letztendlich ist es eine Suche nach der Wahrheit. Wenn diese Forschung nach der Wahrheit nicht da ist, dann ist es egal, ob man meditiert oder Asanas oder Pranayama macht oder ob man sich sattvisch ernährt. Alle Bemühungen werden zeitweilig bleiben und verfehlen ihren ursprünglichen Zweck.

 

Frage: Wie ist es dann mit Mantra-Meditationen? Manchmal ist es ja so, dass bei herkömmlichen Yoga-Abenden traditionelle Mantras eingebunden werden. Wie ist deren Wirkung einzuschätzen?

Ich meine auch hier: Von welchem Zweck sprechen wir? Das Ziel sollte von Anfang an vorhanden sein! „Ich mache Yoga oder Mantra-Meditation weil…“ Wenn jetzt aber mein einziges Ziel ist, nur mein geistiges Gleichgewicht aufrecht zu erhalten bzw. meine Gesundheit zu stärken, dann ist auch diese Meditation sehr zeitweilig. Solange ich meditiere, halte ich meinen Geist ruhig. In dem Moment aber, in dem ich in mein tägliches Leben hinaustrete, verliere ich wieder allen Gleichmut. Dann wird die Meditation einfach zu einer sich wiederholende Erholungsphase, bringt mich aber langfristig gesehen nicht wirklich weiter.

 

„Die Quelle der Seele“

 

Frage: Sie haben vorhin von der Quelle der Seele gesprochen. Wo kann ich mir diese denn vorstellen? Wo liegt denn die Quelle der Seele?

Das wäre der nächste Schritt im Yoga-Sutra. Das Yoga-System bringt uns zur Erkenntnis der Seele. Zur Erkenntnis, dass alles eine Quelle hat. Patanjali sagt: Ich kann nicht meine eigene Quelle sein. Ich, als meine eigene reine Seele, kann nicht meine eigene Quelle sein. Wenn ich meine eigene Quelle wäre, wer wäre dann die Quelle der anderen Seelen? So muss es doch eine Quelle geben, die außerhalb von uns liegt und darüber hinaus geht. Diese Quelle wird in den Veden als Gott beschrieben; Gott als die Quelle aller Seelen.

 

Frage: Ist Gott dann mehr eine Dimension oder ist er etwas Personifiziertes?

Das wäre logisch. Ich, mein wahres Selbst, die Seele besitzt Eigenschaften. Diese Eigenschaften sind Ewigkeit, Wissen und Glückseligkeit. Und ich selbst kann nicht so verschieden sein von meiner Quelle. So müsste demnach auch meine Quelle die gleichen Eigenschaften wie ich besitzen, oder? Die Quelle müsste dementsprechend auch ewig, voller Wissen und Glückseligkeit sein.

 

Frage: Und mit einer Bewusstseinserweiterung wäre dann zu erkennen, dass ich eigentlich aus dieser Quelle komme und immer ein Teil dieser Quelle bleibe?

Ja! In der Bhagavad Gita wird das in den Sanskrit Texten deutlich erklärt „mam eva hiyansa jiva loka jiva bhuta sanatana“ das heißt, dass alle Lebewesen ein Teilchen dieser einen Quelle sind und „jiva bhuta sanatana“ genau wie ich ewig bin, so auch alle andere Lebewesen ewig sind.

 

„Der spirituelle Meister“

 

Frage: Wie sähe denn eine Methode aus, diesen Weg zu gehen? Gelesen habe ich schon vieles, verstanden habe ich auch schon einiges, aber umsetzen: keine Chance!

Das Yoga Sutra wurde vor vielen Jahren geschrieben. Wie mit allem (vedischen) Wissen ist es so, dass es immer wieder neu interpretiert werden muss. Das bedeutet zu berücksichtigen, wie man dieses Wissen in dieser heutigen Zeit, in dem jetzigen Leben umsetzen kann. Dafür braucht man einen Begleiter, einen Meister, der einen unterstützen kann, das anzugehen. Ein Meister ist jemand, der diesen Weg schon selbst gegangen ist und somit in der Lage ist, uns zu begleiten, wenn wir das umsetzen, was er oder sie uns empfiehlt. Dieses Wissen wurde in der Vergangenheit immer über diesen Weg weiter gegeben. Früher wurde es nicht schriftlich, sondern nur mündlich überliefert. Das hatte natürlich einen großen Vorteil, da man so direkt nachfragen konnte. Es gab keinen Raum für Spekulationen. Heutzutage kommt jeder daher und entwickelt seine eigenen Interpretationen der Schriften. Deswegen haben wir heute u.a. Tausende Yogalehrer, die ihre eigenen Vorstellungen davon entwickelt haben, was Yoga sei. Aber Patanjali sagt sehr klar: Yoga führt uns zur Selbsterkenntnis, und um diesen Weg der Selbsterkenntnis zu gehen, muss man sich selbst bzw. den Geist beherrschen lernen. Das ist ganz einfach in zwei Sätzen gesagt. Wie machen wir das aber heutzutage in dieser modernen Zeit? Was bedeutet geistige Beherrschung? Wie sollten wir das angehen? Wir können nicht alles aufgeben, und uns zurückziehen, um irgendwo als Einsiedler zu leben. Das ist nicht möglich. Deswegen muss das Wissen immer wieder neu, unserer Lebenssituation gemäß, interpretiert werden. Dafür brauchen wir einen Begleiter.

 

Frage: Wenn ich ein Teil der Quelle bin, dann ist auch der Guru in mir.

Genau. Aber leider kann der Guru in Ihnen, Ihnen keine Ohrfeige geben, wenn Sie einen Fehler machen.

 

Frage: In Form von Krankheit schon – davon bin ich fest überzeugt.

Gut, und wie war es bei ihnen, als Sie klein waren und Ihre Mutter Sie noch gestillt hat, wo war da Ihr innerer Guru?
Ein Meister ist die äußere Erscheinung der Überseele, die in jedem Lebewesen sitzt. Die Überseele ist der Zeuge für alles, was wir tun, ohne sich je in unsere Handlungen und Entscheidungen einzumischen. Mein innerer Meister inspiriert mich, den Anweisungen des äußeren Meisters zu folgen. Wenn wir von Meister reden, dann sollte die Person immer ein Stück weiter sein als wir selber. Und wenn mein innerer Meister genau so dumm ist wie ich, dann wäre nichts gewonnen! Wenn unser Bedürfnis, die Wahrheit zu erkennen, so stark wird, dann erscheint die Überseele im Außen als äußerer Meister. Ohne diesen Wunsch erscheint der Meister nicht. Man braucht keinen Meister, wenn man gar nicht spirituell interessiert ist. Wozu sollte man sonst einen Meister benötigen?

 

Frage: Mein innerer Meister kann mein dummer Geist sein oder aber auch die Überseele sein. Das sind große Gegensätze! Und meistens meldet sich eh nur mein Geist.

Genau. Meist lässt der Geist die Überseele nicht zu Wort kommen.

 

Frage: Aber kann es nicht auch Meister geben, die auf dem Niveau des eigenen dummen Geistes stehen?

Ja, aber dann ist es kein wirklicher Meister. Dann ist es ein Kumpel. Ein spiritueller Kumpel sozusagen.

 

Frage: Ich habe halt noch nie jemanden getroffen, der in samadhi war oder ist. Man liest zwar immer von solchen besonderen Menschen, aber getroffen habe ich noch niemanden.

Lass uns doch jemanden suchen, der uns zumindest ein kleines Stück weiterbringen kann. Wenn vielleicht auch nicht den ganzen Weg, so doch wenigstens ein Stück der Wegstrecke. Es ist schwierig, eine befreite Seele zu erkennen. Einen Meister, der im samadhi lebt, erkennt man nicht sogleich. Entweder zieht er sich zurück oder er übernimmt in der Öffentlichkeit die Rolle eines gewöhnlichen Menschen, ohne zu erkennen zu geben, dass es sich bei ihm um eine befreite Seele handelt. Für uns ist es wichtig zu sehen, wo wir wenigstens ein Stück der Wegstrecke weiterkommen können. Und wenn wir dann diese Strecke hinter uns gelegt und ein bestimmtes Niveau erreicht haben, dann wird wieder jemand kommen, der uns weiter begleitet. Alle Offenbarungen und offenbarten Texte sind dazu da, uns zu helfen. Diese Quelle, die uns diese Texte offenbart hat, wird sich auch darum kümmern, uns weiter zu bringen. Deswegen existiert dieses Wissen immer weiter und wird nicht untergehen.

 

Frage: Ich habe mal gehört, dass man, bevor man einen Meister finden kann, erstmal das Prinzip der Demut erlernen muss. Jeder kann ein Meister sein, auch ein Bettler, und ohne Demut jedem Menschen gegenüber kann ich nichts erkennen. Was halten Sie von dieser Aussage? Der Meister erscheint also nicht einfach in der Tür. Ich muss erst Vorarbeit leisten und lernen, dass ich nicht alles weiß.

Wenn schon der Wunsch, die Wahrheit zu erfahren über allen anderen Wünschen steht, dann ist Demut vorhanden. Es ist demütig zuzugeben, dass man die Wahrheit nicht kennt. In der Regel möchte keiner zugestehen, dass er etwas nicht weiß. Die meisten geben vor zu wissen, wie die Welt funktioniert.

 

„Lebensaufgaben, Pflicht und der spirituelle Weg“

 

Frage: Wie soll ich mein Leben leben und parallel den Weg der Selbsterkenntnis gehen?

Jeder von uns hat bestimmte Aufgaben. Um die Aufgaben und Verantwortungen zu erfüllen, müssen wir auch handeln. Das hat mit Philosophie nichts zu tun. So wird Arjuna in der Bhagavad-Gita z.B. als ein großer Philosoph beschrieben wird, der die Wahrheit erkannt hatte und deswegen nicht kämpfen wollte. Aber Krishna hat ihn dazu gezwungen, weil das Arjunas Aufgabe als Krieger war. Aber unsere Pflicht auszuführen, ohne begierig auf die Ergebnisse unserer Handlungen zu sein, das ist unser Weg.

 

Frage: Können Sie vielleicht ein Beispiel nennen für so eine Pflicht?

Zum Beispiel die Verpflichtung einer Mutter, sich um ihr Kind zu kümmern. Die hat eine Mutter zu erfüllen, ob sie dazu gerade Lust hat oder nicht.

 

Frage: Heißt das, dass ich erst all diese Verpflichtungen zu erfüllen habe, bevor ich mich überhaupt mit Selbsterkenntnis beschäftigen kann?

Nein, es kommt nicht erst das eine, erst die Verpflichtungen des Alltags und dann das andere, der spirituelle Weg der Selbsterkenntnis. Ich kann die Verwirklichung haben, dass ich eine reine Seele bin und als Seele außerhalb der materiellen Welt stehe. Ich kann dies erkennen und zeitgleich meinen weltlichen Aufgaben und Pflichten nachgehen. Darin liegt keinerlei Widerspruch.